Am Sonntag, dem 4. Juli 2004, wurde mit einem Gottesdienst im Saal der Herrnhuter Brüdergemeine die Ausstellung eröffnet. home

 

Jugendliche am Bibelcomputer

Inoffizieller Besuch des sächsischen Landesbischofs Jochen Bohl

Die Ausstellung "Bibel in den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts" thematisiert auch die neuere sächsische Kirchengeschichte bis 1989. Es werden dabei auch Menschen gezeigt, die in der DDR mit der Bibel oder - wie im Fall zahlreicher Mitarbeiter der Staatssicherheit - gegen die Bibel gelebt haben. In den staatlichen Archiven konnte zielstrebig recherchiert werden und größtenteils werden diese Fakten auch dokumentiet. Jedoch ein freier Zugang zu den kirchlichen Archive besteht nicht, so dass dieser Aspekt in die Ausstellung nicht eingearbeitet werden konnte. Das ist ein Manko, das zu einem kirchlichen Konflikt führte. Besonders die Nennung von kirchlichen Persönlichkeiten, die zwar keine IM waren, aber die staatliche Erwartungfshaltungen umsetzten bzw. die staatliche Vergünstigungen erhielten oder auf das "gute Staat-Kirche-Verhältnis" strikt achteten, so wie es in den staatlichen Unterlagen archiviert wurde, rief den Protest der ev.-luth. Landeskirche hervor. Bischof Jochen Bohl reiste eigens nach Herrnhut, um die Ausstellung zu begutachten. Er regte an, dass vier Dokumentationstafeln, die das staatskonforme Verhalten bestimmter "kirchlicher Würdenträger" (so der Jargon der DDR-Machthaber) beschreiben, entfernt werden. Sie sollten der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden, da Menschen an den Pranger gestellt würden, die sich weder wehren noch die Ausstellungsbesucher um Vergebung bitten könnten.

Der Arbeitskreis erfuhr erst von der Herrnhuter Gemeine, dass die Ausstellung Anstoß bei der Landeskirche Sachsens gefunden hatte. Er wurde in die Gespräche und Verhandlungen nicht einbezogen. Deshalb schrieb der Arbeitskreis am 12. Juli 2004 an Landesbischof Bohl folgenden Brief:

"mit Bestürzung nehmen wir zur Kenntnis, dass Sie an unserer Bibelausstellung in Herrnhut Anstoß genommen haben. Da wir als Arbeitskreis für den Inhalt dieser Ausstellung verantwortlich sind, bitten wir Ihre Kritik mit uns auszutragen und nicht mit denen, die ihre Räume freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben. Weiterhin bitten wir darum, dass Sie die uns zu Ohren gekommenen Vorwürfe uns gegenüber konkretisieren. Für klärende Gespräche stehen wir jederzeit zur Verfügung."

Weiterhin versucht der Arbeitskreis anzuregen, dass über das Staat-Kirche-Verhältnis zu DDR-Zeiten öffentlich geredet werde.

Die Herrnhuter Geschwister ließen sich nicht beeindrucken, auch als angedeutet wurde, dass das Verhältnis zur Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens gestört werde, wenn nicht im Sinne der Landeskirche entschieden werde. Die Herrnhuter beriefen sich auf die Freiheit der Meinungsäußerung, die in der mühsam errungenen Demokratie auch von der Kirche geachtet werden sollte. Die Ausstellung spiegle die Sichtweise des Arbeitskreises und sei eine legitime Form, mit Erkenntnissen - seien sie noch so subjektiv - in die Öffentlichkeit zu gehen, um sie zur Diskussion zu stellen. Jeder hat die Möglichkeit seine Sichtweisen darzustellen. Nach mühsamen Verhandlungen wurde eine Einigung erzielt. Das Landeskirchenamt verfasste eine Erklärung, die der Bibelausstellung beigefügt werden musste:


"Erklärung des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamtes Sachsens zur Bibelausstellung in Herrnhut

Die Urheber der Bibelausstellung behaupten, dass diese u. a. auch von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens gefördert worden sei. Dazu stellen wir fest: Die Projektförderung durch die Landeskirche bezog sich allein auf den rein bibelbezogenen Teil der Ausstellung. Alle Ausstellungstafeln, die sich auf einzelne Amtsträger der Landeskirche beziehen und die lediglich den Zweck verfolgen, diese selbst, oder das Landeskirchenamt und damit die gesamte Landeskirche in der Öffentlichkeit herabzusetzen, sind ohne unser Wissen in den Ausstellungskörper eingefügt worden und haben in einer Bibelausstellung keinen Platz. Außerdem sind die Darstellungen auf diesen Tafeln einseitig und wahrheitswidrig. Deshalb ist der Hinweis auf die Förderung der Ausstellung in ihrer Gesamtheit durch die Landeskirche unzutreffend. Vielmehr verwahren wir uns mit Nachdruck gegen den Missbrauch einer Bibelausstellung mit einseitigen und wahrheitswidrigen Darstellungen als Vergegenwärtigung biblischer Texte. Wir distanzieren uns aus diesem Grunde entschieden von der gesamten Ausstellung.

Dresden, am 16. Juli 2004

Evangelisch-Lutherisches
Landeskirchenamt Sachsens

Hofmann Präsident"

OLKR (Oberlandeskirchenrat) Harald Bretschneider brachte eigenhändig diese Erklärung nach Herrnhut. Er teilte dem Arbeitskreis am 21. Juli das Anbringen dieser Erklärung mit. Lediglich über die Herrnhuter Geschwister erfuhren wir von dem Besuch des Bischof und von den internen Gesprächen und Forderungen.

Dr. Käbisch schrieb ebenfalls am 12. Juli folgenden Brief an den Bischof:

"Sehr geehrter Herr Landesbischof, lieber Bruder Bohl,
am letzten Mittwoch sind wir uns zum ersten Mal auf der Ephoralversammlung in Zwickau begegnet, als Sie sich den Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern vorstellten. Nach Ihren einleitenden Worten haben Sie sich den Fragen der Geschwister gestellt. Ich war derjenige Pfarrer, der von Ihnen wissen wollte, ob Sie Ihr Bischofsamt entsprechend der lutherischen Lehre als Seelsorger oder wie es die Geschichte mit sich brachte als Verwaltungsbeamteter verstehen. Sie tendierten mehr in Richtung Seelsorger und signalisierten eine Offenheit für Gespräche, die weiterführen als Verwalten und Anordnen. Deshalb wende ich mich mit diesem Brief an Sie als meinen Bischof.

Der Grund ist die „Bibel“, die Wurzel unseres evangelischen Glaubens.

Seit zwei Jahren bemüht sich ein ökumenischer Arbeitskreis, dem ich mit angehöre, um Einsichten wie Menschen mit der Bibel lebten. Es wurden ergreifende Biografien recherchiert, die wie „lebende Bibeln“ wirkten. Solche Geschichten werden gelesen und dienen als Vorbild. Natürlich wurde auch mit der Bibel Missbrauch betrieben. Das Ergebnis der Recherche wurde in Form einer Ausstellung punktuell und exemplarisch erarbeitet. Die ursprüngliche Ausstellung auf der Burg Schönfels wurde später zu einer Wanderausstellung umgestaltet. Sie scheint deutschlandweit einmalig zu sein und findet regen Zuspruch. Allein im Jahr der Bibel 2003 konnte sie an zehn verschiedenen Orten gezeigt werden. In diesem Jahr wird der Schwerpunkt der Ausstellung auf das Thema „Bibel in den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts“ gelegt. Mit dem bekannten Bild „Der breite und der schmale Weg“ (Mt 7,13-14) wird dieser Abschnitt der Kirchengeschichte eingeleitet. Es ist der Versuch, ein Stück Wahrheit in die Welt zu tragen und mutige Glaubensgeschwister zu würdigen. Zur Zeit befindet sich die Ausstellung in der Herrnhuter Brüdergemeine.

Am vergangenen Freitag früh erfuhr ich von den Herrnhutern, dass Sie am Donnerstag veranlassen wollten, die Ausstellung zu schließen, anderenfalls würden das Verhältnis und die Beziehung zur Brüdergemeine gestört werden. Sie meldeten sich für den kommenden Tag zu einem Besuch an. Vorerst inspizierte am Freitag früh Ihr Referent die Ausstellung und später haben Sie sich in den Mittagsstunden ein eigenes Bild von der Ausstellung verschafft. Wie mir dann mitgeteilt wurde, fand Ihrerseits keine Würdigung der Bibeltreuen, Bekenner, Märtyrer und Opfer statt, dagegen übten Sie heftige Kritik an dem Dokumentieren bestimmter „ungeklärter Konfliktfälle“ aus der DDR-Zeit. Sie meinten, in der Ausstellung geschehe eine einseitige Parteiergreifung, werden denunzierende Passagen vorgenommen und Menschen an den Pranger gestellt. Diese Menschen könnten sich weder wehren noch hätten sie die Chance, die Ausstellungsbesucher um Vergebung zu bitten. Deshalb drängen Sie auf Entfernung dieser Dokumentationen.

Gestern kam der Arbeitskreis zu einer Krisensitzung zusammen und hat die von Ihnen vorgebrachten Vorwürfe erörtert. Der gesamte Arbeitskreis war bestürzt über Ihre Reaktion und konnte kein Verständnis aufbringen, zumal Sie keine beweiskräftigen Gründe angeführt haben. Der Arbeitskreis verfasste ein Schreiben an Sie und hofft auf eine korrekte und zügige Beantwortung.

Meinen Eindruck, der mit meiner persönlichen Geschichte in der DDR zu tun hat, möchte ich Ihnen von Bruder zu Bruder mitteilen. Ihr Verhalten hat mich in fataler Weise mit der alten DDR-Zeit konfrontiert, wie die SED-Machthaber mit der Bevölkerung umsprangen. Was der Arbeitskreis in der Ausstellung als negative Beispiele dokumentiert, gehört zwangsläufig zur Bewältigung der Vergangenheit. Das wir das jetzt tun können, gehört für uns zu der mühsam errungenen Demokratie. Da gibt es doch berechtigte Erwartungen an die Kirche, die eigenen christlichen Werte als Maßstab anzulegen.

Als Bischof möchte ich Ihnen folgenden Vorschlag unterbreiten und bin gewiss, dass er bei gutem Willen umgesetzt werden kann. Dadurch würde das Vertrauen innerhalb der Landeskirche wachsen und es wäre ein Zeichen der Versöhnung.

Die ungeklärten Konfliktfälle sollten zu einem Gemeindeabend zur Sprache kommen bzw. in einer Podiumsdiskussion aufgegriffen werden. Damit besteht die Möglichkeit, dass historische Tatbestände klarer werden und andere Sichtweisen dargestellt werden können. Jeder kann sich dann selbst ein eigenes Bild machen. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um eine gemeinsame und ehrliche Aufarbeitung der Geschichte. Zur Zukunft gehört die Erinnerung (das ist der Name des Projektes in den Gymnasien im kommenden Schuljahr, an denen ich als Religionslehrer unterrichte).

Die vier Themen, die Sie für kritikwürdig halten, sollten dabei aufgegriffen werden:

  1. Das Verhältnis des Landeskirchenamtes zu feindlich-negativen Mitarbeitern (das war die selektierende Bezeichnung der DDR-Machthaber für bestimmte kirchliche Mitarbeiter)

Dabei sollte u.a. der Brief vom 01.12.1992, der von Eberhard Heiße, Dr. Theodor Lehmann, Joachim Krause und Dr. Edmund Käbisch an den damaligen Landesbischof Dr. Hempel gerichtet war, aufgenommen werden. Das Anliegen der Briefschreiber war, dass die Landeskirche ihre Fürsorge- und Obhutspflicht zu DDR-Zeit vernachlässigte.

  1. Der Einfluss der Referenten für Kirchenfragen auf kirchliche Mitarbeiter um einen Differenzierungsprozess zu forcieren

Dabei sollte erkannt werden, dass u.a. über den Weg der Bestechlichkeit und der Vergünstigungen Einfluss auf die Kirche genommen wurde. Die Liste der Hofierung kirchlicher Würdenträger reichte von Sachgeschenken, Urlaub auf Staatskosten, Ehrendoktorwürde kirchlicher Würdenträger bis hin zum Erwerb von Immobilien. Das Pfarredienstrecht von 1984 § 26 sollte zur Sprache kommen.

  1. Die Selbstverbrennung von Rolf Günther

Dabei sollte auf die religiöse Situation in Falkenstein, auf den Einsatz und das Wirken von IM, wie auf die neue Methode der Stasi-Bearbeitung eingegangen werden. Die Frage nach dem Mobbing in der evangelischen Kirche sollte gestellt werden.

  1. Die Instrumentalisierung der Kirchlichen Bruderschaft Sachsens von der Stasi

Dabei sollte aufgezeigt werden, wie diese Bruderschaft zur fünften Kolonne innerhalb der Kirche missbraucht wurde.

Als Ort könnte ich mir Herrnhut vorstellen und er würde gut in die Intension der Bibelausstellung passen.

Ich bin mir sicher, dass an diesen Themen viele Menschen Interesse zeigen werden insbesondere solche, die nach christlicher Orientierung suchen. Ich gehe davon aus, dass wir wie bei Ihrem Vorgänger Kreß uns gegenseitig ohne Schmus das mitteilen, was zur Wahrheitsfindung führt. Dieser Brief sollte mit einem ehrlichen, aufrichtigen und weiterführenden Dialog weitergeführt werden. Ich bin neugierig auf Ihre Antwort.

Mit brüderlichem Gruß
Käbisch

Am 5 August 2004 kam folgender Brief vom Bischof zurück:
"Sehr geehrter Herr Pfarrer Dr. Käbisch,
von meinem Urlaub in meine Kanzlei zurückgekehrt, fand ich ihre Schreiben vom 12, Juli 2004 vor.
In dem ersten Schreiben, welches zugleich auch von Dr, Effenberg unterzeichnet ist, bringen Sie Ihre „Bestürzung“ im Blick auf den Anstoß, den ich an der Ausstellung in dem Kirchsaal der Herrnhuter Brüdergemeinde genommen habe, zum Ausdruck.
In dem zweiten Schreiben, welches Sie persönlich an mich gerichtet haben, nehmen Sie eine Bitte aus dem oben erwähnten ersten Schreiben auf - die gegen die Konzeption Ihrer Ausstellung erhobenen Vorwürfe bzw. die ungeklärten Konfliktfälle zu konkretisieren bzw. zu erörtern und schlagen mir hierfür vor, dies im Rahmen eines Gemeindeabends zu tun.
Hierzu möchte ich Sie in aller gebotenen Kürze wissen lassen, dass ich für einen solchen Gemeindeabend nicht zur Verfügung stehe. Der Grund meiner Ablehnung ist dabei formaler Art. Einerseits haben Sie bzw. der für die Ausstellung verantwortliche Kreis Fördermittel der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens für die ursprüngliche Zusammenstellung der Ausstellung in Anspruch genommen, worauf Sie auf der ersten Tafel der Ausstellung auch hinweisen. Andererseits ergänzen Sie nunmehr diese Ausstellung durch Tafeln, deren Inhalt sich gegen die Landeskirche richtet. In diesem Verhalten sehe ich einen Vertrauensbruch, für den ich absolut kein Verständnis habe. Dieses Handeln werde ich nicht durch die Teilnahme an einem Gesprächsabend öffentlich sanktionieren.
Mit freundlichen Grüßen,
Jochen Bohl"

Dank gilt den Schwestern und Brüdern in Herrnhut, die sich dem Druck der Landeskirche nicht gebeugt haben. Sie haben sich so verhalten, wie es der Gründer der Brüderunität Zinzendorf vorlebte: Die Bibel ist die Mitte des Glaubens und Lebens.

 

Diese Erklärung wurde bisher nur in Herrnhut und zur Jubiläumsausstellung auf der Burg Schönfels im Jahr 2010 ausgehangen!

 

2003 - Landeskirche unterstützte nicht mehr die Bibelausstellung

Der Arbeitskreis wandte sich schriftlich am 24. Januar 2003 an den sächsischen Landesbischof Kreß und an den katholischen Bischof Reinelt mit der Bitte, die Wanderausstellung finanziell zu unterstützen. Das bischöfliche Ordinariat zu Meissen überwies sofort einen Betrag. Dagegen kam vom Landeskirchenamt erst nach mehrmaligen Anfragen am 16. Juli folgendes Schreiben:

"Sehr geehrter Herr Pfarrer Dr. Käbisch,

noch immer liegt bei mir Ihre Anfrage wegen der Bibelausstellung vom Januar dieses Jahres. Der Landesbischof hat das Schreiben damals zuständigkeitshalber an mich weitergeleitet. Zurecht haben Sie dann im April nachgefragt, wie Ihr Anliegen bei uns behandelt würde. Für die verspätete Bearbeitung bitte ich Sie um Verzeihung, denn einerseits war bei dem plötzlich auftretenden Ansturm von Förderanträgen im Zusammenhang mit dem Jahr der Bibel nicht abzusehen, wie das - begrenzte - Budget für all diese Aktivitäten würde gestreckt werden können. Zum anderen wollte ich mir gern selbst ein Bild von der Ausstellung machen, hatte es aber bisher nicht geschafft. Nun konnte ich in Zusammenhang mit einer Zwickau-Tour am vergangenen Sonntag (13. Juli) die Ausstellung in Waldenburg mir selber anschauen. Der Aufbau der Ausstellung ist interessant, weil damit wie es das Bibeljahr eigentlich will - das Leben mit der Bibel in den Vordergrund gerückt wird. Das Ausstellungs-Thema ,,Die Bibel in der Region Zwickau - von der Mini- zur Multimediabibel" unterstellt allerdings einen historischen Ansatz. Statt dessen findet man dann wirklich schwerpunktmäßig die Darstellung der Bibel als Kraftquelle unter besonderer Berücksichtigung der Auseinandersetzung mit widrigen politischen oder kirchlichen Verhältnissen. So beschreibt es auch das Programmblatt zur Ausstellung. Allerdings hat der Betrachter bei der Rezeption der Ausstellung manchmal den Eindruck, dass die dokumentierten Personen und Lebensläufe sehr stark in den Vordergrund treten und streckenweise auch zum äußeren Gliederungsprinzip der Ausstellung werden. (Auch die kurze Vorstellung des Inhaltes im Faltblatt zeigt diesen Ansatz an: ,,Sie werden aus der Anonymität geholt, erhalten Gesicht und werden gewürdigt. Das ist das besondere dieser Ausstellung, dass diese ,,lebenden" Bibeln (sic!) öffentlich gemacht werden.") Weil auch sehr viel Schrift die vergleichsweise wenigen Exponate dominiert, die - bis auf die vom persönlichen Gebrauch gezeichneten Bibel-Exemplare - eher nur durchschnittliche Aufmerksamkeit hervorrufen können, wäre es eventuell gut, die Ausstellung noch einmal nach ausstellungsdidaktischen Gesichtspunkten zu überarbeiten.
Dass das Landeskirchenamt einige der dargestellten Zusammenhänge anders beurteilt und die bekannten Fakten anders bewertet, wird Sie nicht verwundern. Auf der Tafel ,,Mobbing wegen falscher Bibelauslegung", die dem Geschehen um die Falkensteiner Vorkommnisse nachzuspüren sucht, ist eine differenzierte Darstellung nur ansatzweise erkennbar. Was wir ablehnen, ist die in dieser Ausstellung vorgenommene öffentliche Verurteilung von Bruder Gneuß und der Verriß des Volksmissionskreises in Sachsen, dessen Kurzdarstellung auf kritikwürdige Entgleisungen reduziert wird und dessen gegenwärtige Aktivitäten keinesfalls adäquat erfasst sind. Aus diesen Gründen sehen wir uns - so habe ich es mit Kollegen im LKA abgestimmt - nicht in der Lage, die Ausstellung im gegenwärtigen Bearbeitungsstand finanziell zu fördern.
Dass der Opfersinn der Zeugen Jehovas und ihre konsequente Haltung auch evangelischen Christen beispielhaft sein können, steht außer Zweifel. Die Ausstellung jedoch modifiziert die Sicht auf diese Sekte zu wenig. Denn natürlich darf dem interessierten Betrachter eigentlich nicht verschwiegen werden, mit welchem Zwang die Gruppierung bis heute arbeitet. Wer - wie ich - wiederholt seelsorgerlich mit ,Aussteigern" zu tun hatte oder - wie meine Frau - mit Kindern aus Familien der Zeugen Jehovas in Kindereinrichtungen, merkt bald, dass nicht die Freiheit des Evangeliums zur Freiheit gegenüber Welt- und Kirchen"regiment" führt, sondern massive Furcht einst nicht zu den Auserwählten zu gehören und eine ideologische Ablehnung des Staates, die mit lutherischer Lehre unvereinbar ist. (Dabei bleiben die lebensgefährlichen Rigorismen im Blick auf medizinische Behandlung noch unberücksichtigt.) Hier aber müsste die Ausstellung durchaus eine theologische Differenzierung leisten, was - zugegebener Maßen v. a. im Zusammenhang mit der Präsentation im säkularen Bereich - erheblicher Sensibilität bedürfte. Es wäre aber schon wichtig, denn anders werden auch die Zeugen Jehovas unter dem Schlagwort ,,lebende Bibeln" in eine Reihe gestellt mit den Pfarrern der BK und Stasi Opfern. (Das kann man machen, wenn man eine Ausstellung über Opfer machen will. Im Blick auf die Bibel aber liegen zwischen den Motivationen und Bibelbezügen der Opfer ,,Welten".) Da wünschte ich mir von solch einer Ausstellung auch noch etwas mehr Vermittlung der Tatsache in Kirche und Welt hinein, warum so viele Menschen mit der gleichen Bibel in der Hand zu ganz unterschiedlichen politischen, friedensethischen, spirituellen, konfessionellen, religiösen und anders differenzierten Lebenshaltungen kommen. Ich würde - mindestens als kirchendistanzierter Ausstellungsbetrachter - wohl die Frage stellen, was denn nun das ,,richtige" Bibelverständnis ist. Da sollte die Ausstellung vielleicht am Ende sogar Gesprächsangebote für Interessierte unterbreiten
Lieber Bruder Käbisch, sie sehen, dass die Ausstellung inspiriert und zur Auseinandersetzung anregt. Das wünsche ich der Ausstellung über die benannten Kritikpunkte hinaus. Vielleicht sehen Sie sich sogar in der Lage, unseren Widerspruch konstruktiv umzusetzen. Mit der Tatsache, dass wir Inhalte, die wir nicht tolerieren können, auch nicht finanziell fördern wollen, werden Sie leben können.

Mit freundlichen Grüßen
im Auftrag

H. Slesazeck"

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