Die Zwickauer Thora

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Die Ausstellung „Die Bibel in unserer Region“ war vom 7. September bis zum 17. November 2002 auf der Burg Schönfels zu sehen. Sie wurde zu einer der meistbesuchtesten Ausstellungen, die nach 1989 auf der Burg zu sehen waren.
 
   
 

Oberbürgermeister Vettermann ( Zwickau) und Außenstellenleiter
der Birthlerbehörde Dr. Böttger (Chemnitz) zur Eröffnung auf der Burg Schönfels

 

Bei den Recherchen wurde in der Ratsschulbibliothek die versteckte Thora der Zwickauer Synagoge entdeckt. Sie wurde damals von Schülern nach dem Brand der Reichskristallnacht am 9. November 1938 gerettet. Sie scheint die besterhaltene Thora zu sein, die diese Zeit überlebt hat. Ein Teil der Thora wurde auf der Burg Schönfels ausgestellt und sollte zum Abschluss der Ausstellung der jüdischen Gemeinde übergeben werden. Das Rechtsamt legte ein Veto ein und wollte zunächst die Rechtsnachfolge klären.

Dr. Mahnke mit der Thora in der
Ratsschulbibliothek Zwickau

Bibelausstellung und die Übergabe der Thora an die jüdische Gemeinde

Bei seinen Recherchen zur geplanten Bibelausstellung stieß der Arbeitskreis in der Ratsschulbibliothek auf eine Thora, die den Holocaust überlebt hatte. Am 22. Juni 2003 wurde die Thora in der Ratsschulbibliothek Zwickau im Beisein des katholischen Bischofs Reinelt in einer Feierstunde dem Landesrabbiner Siegl übergeben. Der Arbeitskreis bedauert es, dass der Thorafund und die Übergabe von der evangelisch-lutherischen Nicolaikirchgemeinde nicht genutzt wurde, in Zwickau in einen Dialog der Konfessionen und Religionen einzutreten, denn der Kirchenvorstand der Nicolaikirchgemeinde beschloss, dass die Bibelausstellung im Dom nicht gezeigt werden und kein ökumenischer Gottesdienst aus Anlass der Übergabe stattfinden soll. Ich sehe es als notwendig an, meine Sichtweise zu diesem sensiblen Thema darzustellen.

Entwicklung: Im Herbst 2001 sprach mich der Direktor der Burg Schönfels an, 2002 eine Ausstellung zum Thema Bibel zu organisieren. Ich sagte zu. Es wurde ein kleiner und unabhängiger Arbeitskreis gebildet, der vom Thema und der gestellten Aufgabe begeistert war. Keiner ist ein Ausstellungsfachmann. Alle sind Laien und keiner wusste, was auf den Arbeitskreis zukommen würde. Der Arbeitskreis legte fest, dass nicht nur die Bibel als "Exponat" zur Schau gestellt wird, sondern exemplarisch die "Wirkungsgeschichte" in der Region erzählt wird, wie Menschen Worte der Bibel in ihrem Leben Gestalt werden ließen.

Thora: Teile der Thora, die in der Ratsschulbibliothek gefunden wurde, kamen zur Ausstellung "Die Bibel in unserer Region", die vom 7. September bis zum 17. November 2002 auf der Burg Schönfels zu sehen war. Zur Eröffnung war der Arbeitskreis bereits der Meinung, die Ausstellung zu einer Wanderausstellung umzugestalten. Während dieser Ausstellung wurde dem Arbeitskreis erst bewusst, welche Bedeutung und Wichtigkeit diese Thora für die jüdische Gemeinde und für ganz Deutschland besitzt. Sensibilität wurde gefragt. So entstanden die Verbindungen zum Landesrabbiner Siegl. Mit ihm und mit OB Vettermann kamen wir überein, dass die gesamte Thora in den letzten vierzehn Tagen auf die Burg kommen sollte und am letzten Tag feierlich übergeben wird. Zu der damals geplanten Übergabe wurde bereits Bischof Volker Kreß angesprochen. Es kam nicht dazu, weil das Zwickauer Rechtsamt meinte, der Eigentümer müsse vorher eindeutig geklärt werden.

Dom: Seit August/September 2002 war der Arbeitskreis im Gespräch mit Pfarrer Ernst Hubert Schlimmbach, dem amtierenden Kirchenvorstandsvorsitzenden der Nicolaikirchgemeinde, dass die Ausstellung im Sommer 2003 in den Dom kommen solle. Seinerseits kamen keine Einwände, doch müsse der Kirchenvorstand (KV) der Bibelausstellung zustimmen. Das Einbringen der Bibelausstellung in den KV verzögerte sich, weil im Herbst andere Themen auf der Tagungsordnung standen. In einer KV-Sitzung 2003 wurde Kritik an der Konzeption der Bibelausstellung formuliert und beschlossen, die Ausstellung nicht "eins zu eins" zu übernehmen. Es sollte ein Ausschuss ins Leben gerufen werden, der die Ausstellung begutachten sollte. Danach sollte der KV mit dem Arbeitskreis ins Gespräch kommen, um seine Vorstellungen für eine Bibelausstellung im Dom vorzulegen. Bis heute wartet der Arbeitskreis auf das Gespräch. Der Arbeitskreis machte seinerseits mit Pfarrer Schlimmbach den Termin 6. Februar aus, um im Dom alle Detailfragen wegen der Bibelausstellung vor Ort zu besprechen. Von Seiten des Domes und des Kirchenvorstandes erschien zu diesem Termin keiner, auch war niemand über das Kommen des Arbeitskreises informiert.
Pfarrer Schlimmbach wurde laufend über die Veränderungen unterrichtet. Es wurde auch abgestimmt, am 22. Juni 2003 die Ausstellung im Dom mit einer Vernissage zu beginnen. Da die Thora bei den Recherchen zur Bibelausstellung öffentlich wurde, sollte die Übergabe auch im Zusammenhang der Bibelausstellung eingebunden sein. Deshalb sollte im Rahmen der Bibelausstellungseröffnung die Thora der jüdischen Gemeinde übergeben werden. Wir waren uns einig, dass die Übergabe in einem würdevollen Rahmen geschehen sollte und der Dom als geistlicher Ort geeignet sei. Wir fanden es wegen der Wichtigkeit als angemessen, anzuregen, den katholischen und evangelisch-lutherischen Bischof einzuladen. Es wurde auch an die politische Repräsentanz von Ministerpräsident und Bundespräsident gedacht. Aber der Einladende kann nur der OB sein. Der Landesrabbiner stimmte diesen Überlegungen zu. Von ihm kam sogar die Anregung, die Übergabe in einen ökumenischen Gottesdienst einzubinden.

Oberbürgermeister: Alle Gedanken und Überlegungen wurden mit dem Oberbürgermeister der Stadt Zwickau abgesprochen. Das täte der Stadt und den Menschen der Region gut. Er wollte die Thora bereits im Herbst der jüdischen Gemeinde übergeben, damit der Eigentümer sein heiliges Buch zurückerhielte. Er drängte das Rechtsamt, bis Ende Januar die Rechtsnachfolge zu klären. Wenn das geschehen sei, dann wollte er offiziell die entsprechenden Einladungen vornehmen. Der OB hatte keine Einwände, dass der Arbeitskreis "vorfühlt", ob die Bischöfe Reinelt und Kreß kommen könnten. Beide Bischöfe sagten zu. Das Rechtsamt ließ jedoch den OB auf die Rechtsentscheidung warten. Am 8. Februar sandte der Arbeitskreis an alle Beteiligten als Information ein kurzes Fax über den momentanen Stand der Thoraübergabe. Ich selbst fuhr für 14 Tage in den Urlaub.

Landesrabbiner: Am 18. Februar sprach Herr Siegl auf meinen Anrufbeantworter. Er habe gestern vom OB erfahren, dass am Freitag, dem 21. Februar, die Übergabe geplant sei. Er bat mich, zu reagieren, da er zur Übergabe nicht anwesend sein könne. Nach meinem Urlaub setzte ich mich mit dem Landesrabbiner telefonisch in Verbindung. Die Thoraübergabe erfolgte noch nicht. Am 10. März fand in Reichenbach eine Begegnung mit dem Landesrabbiner Siegl statt. Er präzisierte seine Vorstellungen. Die offizielle Übergabe solle in der Ratsschulbibliothek geschehen, und im Anschluss könnte im Dom ein ökumenischer Gottesdienst stattfinden. Er freue sich über die Zusage beider Bischöfe. Für ihn sei es auch kein Hinderungsgrund, dass die St. Marienkirche 1935 von den Nazis zum Dom erhoben wurde. Diesbezügliche Zwickauer Befindlichkeiten könne er nicht verstehen. Nach der Übergabe werde die Thora nach Israel zur Restaurierung kommen. Es wäre der jüdischen Gemeinde hilfreich, wenn sich die Stadt an den Restaurierungskosten beteilige. Der Zeitplan solle wie besprochen eingehalten werden: In der Synagoge Chemnitz am 23. Mai die Absprache der Übergabe und des ökumenischen Gottesdienstes und dann am 22. Juni die offizielle Übergabe mit anschließendem Gottesdienst im Dom.
Diese Vorstellungen unterbreitete ich am 11. März telefonisch OB Vettermann. Er sicherte zu, dass die Stadt "die Einladungen in die Hände nehmen" und dass er die Sache mit den beiden Bischöfen weiter sondieren werde. Am 20. März erfuhr ich vom Sekretär des OB Herrn Merz, dass die Stadt die Einladungen vornehmen werde.

Der Arbeitskreis regte an, die Thora würdevoll, taktvoll und öffentlich dem Eigentümer zu übergeben. Das Jahr der Bibel scheint ein angemessener Zeitpunkt zu sein, ein Zeichen der Versöhnung, Wiedergutmachung und Demut gerade im Dom zu setzen. Der Wunsch und die Vorstellungen des Landesrabbiner sollten Beachtung finden.

Am 22. Juni 2003 wurde in einem Festakt im Zwickauer Museum die Thora der jüdischen Gemeinde Chemnitz übergeben. Der katholische Bischof Reinelt war gekommen, um an diesem Geschehen präsent zu sein.