Diktatur kontra Bibel - Widerstand in den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts

Vortrag auf Schloss Wildenfels am 14. September 2003

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mit den Zeitzeugen Pfarrfrau Erika Riedel (92 Jahre),
Ruth Zolanvar geb. Weidenkaff und Dr. Conrad Weidenkaff

Unterstützt und gefördert von der Sächsischen Landeszentrale
für politische Bildung Dresden

 

1. Kleine historische Einführung zu den Ereignissen der 1930er Jahre

Erinnern:
- Deutschland verlor den I. Weltkrieg
- Dolchstoßlegende
- Versailler Vertrag als Schandfrieden
- Weltwirtschaftskrise/Arbeitslosigkeit
- Trennung Staat und Kirche
- allgemeinder Werteverlust

- Sehnsucht der Deutschen nach Selbstbestimmung und Identität
- Verlangen nach einem starken Mann - ADOLF HITLER
- große Begeisterung für den Nationalsozialismus als Kraftquelle für Nation und Religion der Deutschen als Herrenrasse:
           Arierparagraph
           Ideologie von Blut und Boden
           positives Christentum
           Volk, Staat, Rasse, Ehe, Familie

2. Deutsche Christen (DC) als "SA Jesu Christi"

1932 Gründung im Wieratal b. Altenburg
Hitler wurde als Art Offenbarungsträger angesehen
Synthese zwischen Christentum und Deutschtum
Entstehung eines arischen Christentums:
- Jesus als germanischer Held
- Beseitigung des Alten Testamentes
- Entfernung der jüdischen Bestandteile (z.B. Halleluja, Paulus...)
- Nationalsozialismus als Kraftquell der Nation und der Religion
- neue Wertnormen (z.B. Rassenhygiene, Arier...)
- Zitat: "Der Staat Adolf Hitler ruft nach der Kirche, die Kirche hat den Ruf zu hören."

Ziel: eine Reichskirche Deutsche Evangelische Kirche (DEK)
Gleichschaltung und Eingliederung der 28 evangelischen Landeskirchen
Reichsbischof Ludwig Müller (einst Wehrkreispfarrer in Königsberg) = Bischof von Hitlers Gnaden

Hoffnung: lebendige Volkskirche mit Hilfe der Nationalsozialisten

1933 ev. Kirchenwahlen, ca. 70% der Wähler stimmten für DC
DC besetzten wichtige Kirchenämter

3. Bekennende Kirche (BK) - Kirchenkampf

1934 in Barmen aus dem Pfarrernotbund - Martin Niemöller; 1937 KZ (Hitlers persönlicher Gefangener)
- Sachsen Hugo Hahn = heimlicher Bischof und ordinierte Vikare; 1938 Landesverweis
- Zwickau Walter Helm (Verweigerung des Treueeides auf Hitler)

Grundsatz der BK:
Kirche muss Kirche bleiben - allein die Bibel (Evangelium) ist die Grundlage der Kirche

- der Notstand der Kirche wurde ausgerufen, denn die DC verbreiten Irrlehren
- Bruderräte übernahmen die Kirchenleitung
- gegen die Reichskirche und Gleichschaltung der Landeskirchen
- gegen die Abschaffung des Alten Testamentes

Kanzelabkündigungen als stärkste Waffe
Verweigerung von Abgaben der Kollekten
Fürbittenlisten für Inhaftierte

ca. 1/3 der deutschen Pfarrer (ca. 7000)

Folgen:
Amtsenthebung, Verfolgung, Inhaftierung (KZ) von Pfarrern und Laien
BK sei Störer der kirchlichen Ordnung
Einbeziehung der Polizei und der Gestapo

4. DC in Sachsen

1933 Selbsteinweisung von Landesbischof Friedrich Coch in der Dresdener Frauenkirche (Coch war Berater für kirchliche Angelegenheiten bei der NS-Gauleitung in Dresden)

Ziel:
Sachsen zum Musterland der DC
das dritte Reich mit "soldatischem Christentum" durchdringen
DC als volksmissionarische Stoßtruppe des NS -Kirchenregiments

Parolen: "Mit Luther und Hitler für Glauben und Volkstum"
"Das deutsche Volk durch Christus ein Volk Gottes"

1934 Suspendierung und Disziplinierung von 51 Pfarrern und Superintendenten
Pflichtlektüre für die Pfarrer das Sonntagsblatt mit Christuskreuz und Hakenkreuz
Bischof Coch wollte während des Krieges, dass die Kirchen stillgelegt werden!

1939 DC-Pfarrer in Sachsen = 239 und in der Ephorie Zwickau DC = 14
BK-Pfarrer in Sachsen = 380 und BK-Pfarrer in der Ephorie = 13 (z.B. Kriebel, Riedel, Helm, Gotter, Truöl, Frieß, Fochtmann, Stock, Kießhauer, Wennske, Gocht...)
zur Mitte gehörten in Sachsen = 600 Pfarrer

5. Superintendent Max Krebs - Gewalt- und Willkürherrschaft in der Ephorie Zwickau
seit 1934 in Zwickau
Er war ein radikaler, brutaler, diktatorischer und ungeistlicher DC-Pfarrer.

1935 wurde die St. Marienkirche von den Nasis zum Dom erhoben.
Oberbürgermeister und NS-Parteigenosse Ewald Dost, der zugleich der Patron der Marienkirche war, hatte im Mai 1935 vorgeschlagen, dass der Reichsbischof Müller die St. Marienkirche zum Dom erheben sollte.
Am Sonntag Exaudi, 2. Juni 1935, fand im Rahmen der 800-Jahrfeier der Stadt Zwickau in einem Festgottesdienst die Umbenennung der St. Marienkirche zum Dom statt. Der Landesbischof Coch überbrachte die Grüße vom Reichsbischof.
In seiner Festansprache hob der Landesbischof hervor, dass Zwickau stets fortschrittlich gesinnt sei und sich im weiten Umkreis hervorgetan habe. Der reformatorische Geist Martin Luthers kam frühzeitig in die Stadt und die nationalistische Bewegung Adolf Hitlers fand hier den ersten Stützpunkt. Der Bischof regte an, dass in den evangelischen Kirchen deutsche Namen für die Sonntage eingeführt werden sollten. Der Sonntag Exaudi sollte ,,Höre uns" heißen. Ebenso sollte das hebräische Wort ,,Halleluja" durch ,,Gelobt sei Gott" ersetzt werden.
Danach erklärte Bischof Coch, dass der Reichsbischof dem Wunsch des Oberbürgermeisters nachgekommen sei und verlas die Urkunde. Er überreichte sie dem Superintendenten Krebs der sie hocherfreut in Empfang nahm.
Daraufhin ergriff Oberbürgermeister und NS-Parteigenosse Dost das Wort vom Altarplatz und hieß den Landesbischof in der Stadt herzlich willkommen. ,,Er betonte dabei, dass der Besuch des Landesbischofs eine große geschichtliche Bedeutung für Zwickau dadurch gewinne, dass er diese frohe Botschaft überbringe, die in den Herzen der Zwickauer Bürger begeistert aufgenommen wird... Ich danke Ihnen für diese erwiesene Ehre und bitte Sie, den Dank an den Reichsbischof weiterzugeben. Wir aber geloben, uns dieser Ehre würdig zu erweisen, indem wir dieses herrliche Bauwerk in unsere Obhut nehmen für alle Zeiten."
Danach bestieg Superintendent Krebs die Kanzel und hielt die Festpredigt.

Der Dom war mit der Hakenkreuz-Fahne geschmückt.
(Aus der Zwickauer NS-Tageszeitung vom 3. Juni 1935)

Kirchgemeinde Planitz
Sie zählte zu den Hochburgen der BK. Es hatten sich dort 2.000 Mitglieder eingeschrieben. Der BK wurde die Nutzung der Lukaskirche und auch der Friedhofskapelle vom Superintendenten untersagt. Sogar der Posaunenchor durfte nicht auf dem Friedhof blasen, denn er hatte sich unter dem Leiter Herbert Bräuer der BK angeschlossen. Die Polizei verbot die Veranstaltungen der BK im Gasthof oder im Freien. Auf Betreiben des Superintendenten Krebs musste sogar Pfarrer Richard Truöl Planitz verlassen. Pfarrer Adolf Pummer wurde vom Superintendenten zwangsweise in den Ruhestand versetzt. An dessen Stelle kam der DC-Pfarrer Theodor Adolf Emil Lundberg.
Die BK-Veranstaltungen wurden in Privathäusern abgehalten und für die Gottesdienste Räume gemietet. Taufen, Konfirmationen und Trauungen fanden ebenfalls in diesen Gemeinderäumen statt. Die Amtshandlungen wurden in die Kirchenbücher der Gemeinde eingetragen, in der der Pfarrer zur BK gehörte wie z. B. Pfarrer Daniel Gerhard Stock aus Bockwa.

1939 wurde in diese Gemeinde Pfarrer Georg Meusel vom Landesbruderrat der BK durch Hugo Hahn entsandt. Er wurde von dem DC-Landeskirchenamt in Dresden nicht angestellt. 1941 wurde er auf dem Arbeitsamt als Unbeschäftigter denunziert, verhaftet, zwangsverpflichtet in den Tiefbau Wiesenburg und dann zur Wehrmacht eingezogen. Seine Ehefrau Marie Meusel mit Pfarrer Walter Helm vom Dom und vielen Planitzer Laien übernahmen bis zum Kriegsende die Bekenntnisgottesdienste und verkündigten das Evangelium.

Pfarrer Walter Helm am Zwickauer Dom
Im Kirchenbezirk Zwickau verweigerten bibeltreue Gemeinden mit ihren Pfarrern den Gehorsam der DC-Amtskirche. Sie gründeten eigene Bekenntnisgemeinden. Am Dom spaltet sich die Gemeinde. Die nazigläubigen Christen scharten sich um Superintendenten Krebs und Pfarrer Martin Leuner. Die Bekenntnistreuen sammelten sich um Pfarrer Walter Helm und Alfred Gotter.
1933 organisiert Pfarrer Helm für den Kirchenbezirk Zwickau den Pfarrernotbund.
1934 war die Bekenntnissynode in Barmen - daraus wurde die Bekennende Kirche.
Ihr Bekenntnis:
                       - Es gibt nur einen Herrn Jesus Christus.
                       - Die Mitte der Kirche ist Jesus und nicht der „Führer“.
Es wurde d
as kirchliche Notrecht ausgerufen und ziviler Ungehorsam wurde gegen die DC-Amtskirche praktiziert.
Helm wurde Vollmitglied des sächsischen Landesbruderrates. Superintendent Krebs ergrieff Disziplinarstrafen, ordnete Ordnungsstrafen an, ließ sein Gehalt kürzen und suspendierte ihn vorübergehend aus dem Dienst.
Eine BK-Gemeinde entsteht und ein Brüderrat wurde in Zwickau gewählt. Holzhändler Gustav Schneider wurde Vertrauensmann. Die BK-Gemeinde verweigerte konsequent dem DC-Kirchenregiment den Gehorsam und wanderte aus der Amtskirche aus. Gemeindeveranstaltungen und Gottesdienste fanden in angemieteten Räumen statt. Allein im Nord-Süd-Bezirk des Domes schrieben sich über 900 Mitglieder in die BK-Listen ein. Die Bekenntnisgemeinde brachte große finanzielle Opfer.
1938 Helm verweigerte den Treueides auf Hitler.
Folgen: - Predigtverbot
           - Entlassung aus Pfarrdienst
           - Räumung der Amtswohnung
Jedoch nach geleistetem Treueid wurde der Dienstentlassungsbeschlusses aufgehoben.
1939 Soldat und als kriegsuntauglich kam er in die Domgemeinde zurück.
1947 als Superintendent nach Stollberg

6. Frau Riedel berichtete von ihren Erlebnissen aus Härtensdorf mit dem Superintendent Krebs. Die Kirchgemeinde war die erste BK-Gemeinde Sachsens

 

In der Ephorie Zwickau wanderten bibeltreue Gemeinden mit ihren Pfarrern aus der nazihörigen Amtskirche aus. Die Kirchgemeinde Härtensdorf mit ihrem Vikar und späteren Pfarrer Otto Riedel bekannte sich zur BK. Superintendent Krebs enthob Riedel seines Amtes und das Pfarrhaus sollte geräumt werden. Jedoch die Kirchgemeinde stand geschlossen hinter ihrem Gemeindehirten. Härtensdorf wurde zur ersten BK-Gemeinde in Sachsen!
Die Folge war:
                      - Der Superintendent Krebs sperrte sämtliche Kirchenkonten.
                      - Der Kirchenvorstand
wurde seines Amtes enthoben.
                      - Pfarrer Riedel erhielt kein Geld.
                      - Die Kirchgemeinde kam für ihren Pfarrer auf.
1935 wurde Otto Riedel mit anderen sechs BK-Vikaren in Härtensdorf vom BK-Superintendenten Hahn aus Dresden ordiniert. Pfarrer Riedel versah in Härtensdorf bis 1955 seinen Dienst als Seelsorger.

7. Diktatur DDR der 50er Jahre - neuer Kirchenkampf
1945 Untergang des Nazireiches Besatzungszonen
1947 Hugo Hahn wurde sächsischer Bischof
1949 Gründung der DDR - SED übernahm die Macht
- andere Parteien (CDU, LDPD...) wurden in der "Nationalen Front" unter Führung der SED gleichgeschaltet
- dialektischer Materialismus wurde zur Weltanschauung - Propaganda
1952 Beschluss der II. Parteikonferenz "Aufbau des Sozialismus"
- Kirche soll als politischer und gesellschaftlicher Faktor ausgeschaltet werden
- massiver Angriff auf kirchliche Jugendarbeit - Zerschlagung
- antikirchliche Propaganda, z.B. die JG sei eine "illegale Agenten- und Spionageorganisation" des amerikanischen Imperialismus
- Kirche betreibe Kriegshetze, Sabotage und Spionage
- Kirche stört den friedlichen und demokratischen Aufbau des Sozialismus
- Kampagnen und Schauprozesse gegen kirchliche Mitarbeiter

1953 10. Juni: Gespräch Grotewohl mit allen Bischöfen
- eingeleitete Maßnahmen wurden eingestellt
- Gerichtsurteile wurden aufgehoben

17. Juni 1953: Volksaufstand

Danach wurden die Methoden des Kirchenkampfes subtiler z.B. Jugendweihe, Zersetzung.

Sein Lebenslauf

1909 in Plauen geboren
studierte Theologie
1936 Ordination in Langenreinsdorf bei Crimmitschau
1940 - 1946 Kriegsfreiwilliger und Kriegsgefangenschaft
1948 - 1971 Pfarrer in Weißbach
1952 Verhaftung am 8. Dezember in Weißbach
1953 Verurteilung am 15. Mai zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Boykotthetze gegen die demokratische Entwicklung
gleichzeitig wurde die Enteignung des gesamten Vermögens verhängt (wurde aber auf Grund der politischen Entwicklung nicht vollstreckt).

Strafbestände waren u.a.:
- Er intervenierte gegen die Zerstörung der Bibelsprüche, die sich an den Außenwänden sowie am Haupteingang der Schule in Weißbach befanden z.B.: "Wer sät im Segen, wird ernten im Segen".

- Predigtäußerungen:

- Er hielt Gottesdienste ab, weil die Schulen und Gasthöfe trotz Maul- und Klauenseuchen auch nicht geschlossen wurden.
Er äußerte vor dem Bürgermeister, dieses Seuchengesetz sei "nicht von Wilhelm Pieck, sondern von Wilhelm II Gottes Gnaden".

Die Verhandlung im Bezirksgericht Karl- Marx-Stadt fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
Seine Bibel konnte er mit ins Zuchthaus Schloss "Osterstein" nehmen.

Am 21. Mai wurde in Weißbach ein Justizabend zum Fall Weidenkaff durchgeführt und 235 Einwohner verurteilten "das verbrecherische und volksschädliche Treiben des Agenten des amerikanischen Imperialismus". Sie nahmen einstimmig eine Entschließung gegen das "Element" Weidenkaff vor, in der die Weißbacher mit dem Urteil vollkommen einverstanden waren.
Nur Pfarrer Henke aus Schönau und Frau Weidenkaff stimmten der Entschließung nicht zu.

Durch den "Neuen Kurs" der SED wurde Weidenkaff nach sechs Monaten aus dem
Zuchthaus "Osterstein" entlassen und konnte seinen Dienst in Weißbach versehen.
1954 Präsident Wilhelm Pieck erließ auf dem Gnadenweg fünf Jahre Haft.
1960 stellt die Stasi fest, Weidenkaff sei ein "Feind unseres Staates" und
seine aufgeschobene Strafe müsse jetzt vollstreckt werden.
1971 Übersiedlung in die Bundesrepublik und er konnte als Pfarrer
(kurzzeitig im Angestelltenverhältnis) die Kirchgemeinde Unterlauter bei Coburg betreuen.
1984 in Konken verstorben.